Kölner Bevölkerungsstatistik fehlerhaft?

Während in Deutschland und Nordrhein-Westfahlen die Bevölkerung im Jahr 2035 zurückgeht, geht die Stadt Köln von einem ununterbrochenen Bevölkerungswachstum aus. Kann das sein oder ist die Bevölkerungsstatistik fehlerhaft?

Eingangssituation

Bei der Bevölkerungsvorausberechnung (Stichtag 31.12.2017) hat die Verwaltung der Stadt Köln (Verwaltung) drei Annahmen herangezogen: [1]

Geburtenhäufigkeit:      Der 2017-Wert von 1,39 Kindern je Frau (TFR) wird bis 2040 konstant gehalten.

Lebenserwartung:          Die Lebenserwartung steigt bis 2040 linear an
Frauen:      + 1,65 Jahre: von 83,46 auf 85 Jahre
Männer: + 2,58 Jahre: von 79,01 auf 82 Jahre

Zuzug nach Köln:           Ausgehend vom Zuzugsniveau des Jahres 2017 steigt die Zahl der Zuzüge linear bis 2040 auf
den Durchschnitt der Jahre im Referenzzeitraum (2010 bis 2017).      

Zuziehende aus:2017Durchschnitt 2010 bis 2017
NRW26.15527.400
Restliches Bundesgebiet13.51613.900
Ausland16.89218.000

Fortzüge aus Köln:           Die Fortzugswahrscheinlichkeit entspricht in jedem Berechnungsjahr der
  Fortzugswahrscheinlichkeit im Referenzzeitraum (2010 bis 2017).

Aufgrund dieser Annahmen kommt die Verwaltung zu folgender Bevölkerungsentwicklung:

3

Das Ergebnis wurde nicht plausibilisiert, es sind nur die Zahlen der Verwaltung in der Mitteilung genannt. Zum Schluss kommt die Verwaltung zu folgendem Ergebnis:

Die Einwohnerzahl Kölns weiterhin wachsen. Die Hauptursachen hierfür sind:

  1. Die Geburten werden auch in Zukunft die Sterbefälle in Köln übersteigen.
  2. Weiterhin werden mehr Menschen zuziehen, als Köln verlassen.
  3. Der Alterungsprozess der Gesellschaft wird voranschreiten, wodurch künftig mehr ältere Menschen in Köln leben.

Überprüfung der Annahmen

Die Geburtenhäufigkeit

Die entscheidende Kennzahl bei Geburtenraten ist die Gesamtfertilitätsrate engl. Total Fertility Rate (TFR), die zusammengefasste Fruchtbarkeitsziffer bzw. Fertilitätsrate ist ein in der Demografie verwendetes Maß, das angibt, wie viele Kinder eine Frau durchschnittlich im Laufe des Lebens hätte, wenn die zu einem einheitlichen Zeitpunkt ermittelten altersspezifischen Fruchtbarkeitsziffern für den gesamten Zeitraum ihrer fruchtbaren Lebensphase gelten würden. Sie wird ermittelt, indem die altersspezifischen Fruchtbarkeitsziffern summiert und durch 1000 geteilt werden.

Die TFR müsste einen Wert von 2,1 annehmen, wenn die nächste Generation – sofern man von Wanderungseinflüssen absieht – genauso groß sein soll wie die jetzige. Eine TFR unter 2,1 weist also auf eine schrumpfende Bevölkerung hin, Werte von über 2,1 auf eine wachsende.

Die TFR hat sich seit 2011 wie folgt entwickelt:[2] [3]

Die Geschwindigkeit, mit der die Geburtenrate sinkt, hat sich seit 2017 beschleunigt!

Vergleich zur Annahme von oben: „Der 2017-Wert von 1,39 Kindern je Frau (TFR) wird bis 2040 konstant gehalten.“! Diese Annahme war von Anfang an nicht begründbar. Von 2011 stieg die TFR bis 2016 an und fiel dann erstmals 2017 wieder runter. Dieser Trend hatte auch in ganz Deutschland Bestand, war also keine Ausnahme[4]. Hier eine Konstante anzunehmen war falsch. Einen Wert, der einen Bevölkerungs-rückgang dokumentiert als Argument für ein Bevölkerungswachstum heranzuziehen äußert zweifelhaft.

Insgesamt lebten 2017 im gebärfähigen Alter (15 bis 49 Jahren) 260.936 Frauen[5] in Köln. Bis 2040 werden 191.501 Frauen diese Altersgruppen verlassen. Hinzu kommen 71.723 Frauen, die 2017 zwischen Null und 15 Jahren waren. Für weiter 5 Jahre, mathematisch ermittelt, kommen 25.000 Frauen hinzu. Demnach werden wir im Jahr 2040 40% weniger Frauen im gebärfähigen Alter in Köln haben [Daten ohne Zu- und Abwanderung].

Die seit 2017 fallende Total Fertility Rate, sowie der starke Rückgang von gebärfähigen Frauen lässt die Bevölkerung in Köln schrumpfen statt wachsen.

Hier muss eine Korrektur der Wachstumsprognose erfolgen!

Entwicklung der Lebenserwartung

Die Verwaltung benennt die Lebenserwartung wie folgt: 83,46 Jahre für Frauen und 79,01 für Männer. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Mitteilung vom 12.12.2018 war Bundesamt für Statistik die offizielle Sterbetafel 2015/2017 veröffentlicht[6]. Demnach wurden Frauen in Deutschland 83,18 und Männer 78,36 Jahre alt. Woher kommen die Zahlen der Verwaltung?

Die Verwaltung nimmt eine lineare Steigerung der Lebenserwartung bis 2040 an.

Hieraus ergibt sich aus den offiziellen Zahlen ein annähernd linearer Anstieg der Lebenserwartung seit 1956, umgerechnet auf ein Jahr von 2,4 Monaten/Jahr.

Verwaltung sagt                              31.12.2017                                               2040
Frauen 83,46 Jahre (+1,65) 85 Jahre
Männer 79,01 Jahre (+2,58) 82 Jahre

Vom Stichtag 2017 an gerechnet bis 2040 also für beide Geschlechter von + 2,1 Jahren. Damit wäre der prognostizierte Anstieg der Verwaltung plausibilisiert.

Damit hat die Verwaltung folgende Aussage hergeleitet:

Eine männliche Person, die 2017 geboren wurde wird demnach 2100 sterben. Eine männliche Person die 2040 geboren wird, stirbt im Jahr 2121. Eine Aussage zur Bevölkerungsentwicklung im Jahr 2040 wird durch diese Zahlen aber nicht getroffen!

Vorausberechnung des Bevölkerungswachstum bis zum Jahr 2040, bezogen auf die Sterbetafel 2017/2019

Eine durchschnittliche Lebenserwartung von 23 Jahren haben alle Männer im Jahr 2040, die heute 59 Jahre alt sind. Frauen sind heute es 63 Jahre. Das heißt, dass im Jahr 2040 insgesamt 228.844 Männer und Frauen[8] gestorben sind.

Durch die Verlängerung der Lebenserwartung kann diese Zahl um zwei Jahre auf 61 für Männer und 65 für Frauen mathematisch gerechnet verlängert werden. Dann sterben bis 2040 8.617 Männer und 5.462 Frauen weniger. Demnach sind bis 2040 214.765 Personen verstorben.

Bis zum Jahr 2040 werden rund 96.000 Frauen (siehe oben) im gebärfähigen Alter sein, die zuletzt ermittelt 1,26 Kinder bekommen. Somit werden bis 2040 120.960 Kinder geboren. Da die Total Fertility Rate gerade sinkt ist mit einer noch geringeren Zahl von Geburten zu rechnen.

Bis 2040 werden aufgrund von Geburt und Tod also rund 93.805 Personen weniger in Köln leben.

Die Verwaltung hat 2019 die Entwicklung der Geburten und Sterbefälle für 2018 weitergeführt. Die Parameter wie TFR und der Rückgang der geburtenfähigen Frauen zeigt, dass seit 2016 eine Trendwende hin zu einer sinkenden Bevölkerung in Köln, vorgeht [ohne Berücksichtigung von Zu- und Fortzüge].

Somit stimmt die Annahme der Verwaltung, dass der Alterungsprozess der Gesellschaft voranschreiten wird und künftig mehr ältere Menschen in Köln leben. Die heißt aber auch, dass weniger geboren werden.

Zu- und Fortzüge

Die Ausführungen zu den Zu- und Fortzüge sind in der Mitteilung der Verwaltung vom 12.12.2018 nicht belegt. Annahmen sind nicht hergeleitet und können so auch nicht überprüft werden.

Fortzüge lassen sich ziemlich gut statistisch erfassen, indem die letzten Jahre aufgeschlüsselt werden. Dazu benötig man allerdings die Rohdaten, die nicht mit veröffentlicht werden.

Zuzug kann nur stattfinden, wenn

  • neue Wohngebäude errichtete werden,
  • bestehende Wohngebäude frei werden.

Daher sind Zuwanderungszahlen grundsätzlich unter dem Vorbehalt zu sehen, dass überhaupt genügend Wohnraum vorhanden ist. Und wenn die Veraltung keine Einfamilienhäuser mehr in Köln bauen will, werden dann junge Familien Köln verlassen?

Aktuell werden um Köln herum mehrere Einfamilienhausgebiete ausgewiesen oder sind schon bereits in der Entstehung. Diese neuen Gebiete verhindern Zuzüge von Familien nach Köln und tragen dazu bei, dass junge Kölner Familien die Stadt verlassen. Diese Entwicklung wird in der Statistik nicht berücksichtigt.

Zusammenfassung:

Die drei Annahmen

  1. Die Geburten werden auch in Zukunft die Sterbefälle in Köln übersteigen.
  2. Weiterhin werden mehr Menschen zuziehen, als Köln verlassen.
  3. Der Alterungsprozess der Gesellschaft wird voranschreiten, wodurch künftig mehr ältere Menschen in Köln leben.

stimmen nicht.

  1. Die Geburtenhäufigkeit (TFR) sinkt und die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter nimmt ab, während die Zahl Sterbefälle stagniert.
  2. Zuzug nach Köln ist nur möglich, wenn auch Wohnraum entsteht. Gegenwertig entstehen mehrere Einfamilienhausgebiete rund um Köln.
  3. Eine zunehmende Alterung einer Gesellschaft heißt nicht, dass sie wächst. Es ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Bevölkerung zurückgeht.

Die Frage ob Bevölkerungsstatistik der Kölner Verwaltung fehlerhaft ist, wird mit JA beantwortet.


[1] Mitteilung der Verwaltung vom 12.12.2018, Vorlagen-Nr. 3919/2018
[2] Kölner Statistischen Nachrichten vom 26.03.2021, Ausgabe 5/2021
[3] Grafik vom Autor erstellt
[4] DESTATIS Zusammengefasste Geburtsziffer vom 29.07.2020
[5] Kölner Statistische Nachrichten – 1/2019Statistisches Jahrbuch 2018, 95. Jahrgang – Herkunft und Geschlecht 2017
[6] Statistisches Bundesamt-Versicherungsbarwerte für Leibrenten 2015/2017 vom 18.10.2018
[7] Statistisches Bundesamt (Destatis), 2020 vom 24.05.2021
[8] Kölner Statistische Nachrichten – 1/2019Statistisches Jahrbuch 2018, 95. Jahrgang – Herkunft und Geschlecht 2017
[9] Pegel Köln, 4/2019 Einwohnerentwicklung 2019 Nr. 13/15/200/7.2019

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